Kaum ist die Jahresplanung abgeschlossen, ändern sich die Bedingungen schon wieder: Rohstoffpreise schwanken, Zölle verändern die Kalkulation und der Druck auf die Margen bleibt hoch. Für viele Einkaufsorganisationen gehört das längst zum Alltag. Umso wichtiger ist es, Erfahrungen auszutauschen, neue Perspektiven kennenzulernen und gemeinsam darüber zu sprechen, wie der Einkauf mit diesen Veränderungen umgehen kann.
Genau darum ging es bei ivoNext 2026 am 22. Oktober in Frankfurt: Rund 55 Einkaufsverantwortliche aus der Industrie kamen zusammen, um über aktuelle Herausforderungen, neue Technologien und die Zukunft des strategischen Einkaufs zu diskutieren. Mit dabei waren Speaker von ZF LIFETEC, TI Automotive, Ivoflow und Jaggaer. Ihre Beiträge zeigten unterschiedliche Wege, mit Kostendruck, unsicheren Märkten und neuen Möglichkeiten durch KI umzugehen. Und auch abseits der Bühne gab es viel Gelegenheit, Erfahrungen zu teilen und Ideen für die eigene Arbeit mitzunehmen.
Ivoflow und Jaggaer: Was die Verbindung für den Markt bedeutet Session von Michael Rösch (SVP Manufacturing Growth), Nicolas Neubauer und Daniel Demuth (Co-Heads of Manufacturing Spend)
Den Auftakt bildete eine Session über die kürzlich abgeschlossene Akquisition von Ivoflow durch Jaggaer. Michael Rösch, Nicolas Neubauer und Daniel Demuth gaben einen Einblick, wie beide Lösungen künftig noch enger zusammenspielen können.
Im Mittelpunkt steht die Verbindung von Spend & Price Intelligence mit den operativen Einkaufsprozessen. Erkenntnisse über Kostenentwicklungen und Einsparpotenziale sollen dort verfügbar werden, wo konkrete Entscheidungen getroffen werden: im Sourcing, bei Verträgen und bei Bestellungen. Die Ergebnisse fließen anschließend als neue Daten zurück und schaffen damit eine Grundlage für weitere Analysen.
Für Anwender bedeutet das, Markt- und Kostendaten noch direkter in ihre Einkaufsentscheidungen einbeziehen zu können.
From A(I) to Z: Was KI im Einkauf leisten kann – und was nicht Session von Adrian Hommen (Director Customer Projects and Implementation, Ivoflow)
Wie viel kann KI im Einkauf heute tatsächlich leisten? Und wo sind ihre Grenzen? Adrian Hommen ging diesen Fragen nach und machte deutlich, dass der Nutzen nicht allein von der Technologie abhängt. Entscheidend ist auch, auf welcher Datenbasis sie arbeitet und welches Problem sie lösen soll.
Das zeigte er anhand eines einfachen Beispiels: Ist derselbe Lieferant im System unter vier verschiedenen Schreibweisen angelegt, kann eine KI bei der Frage nach dem größten Lieferanten deutlich danebenliegen. Sind die Daten dagegen sauber aufbereitet, lässt sich dieselbe Frage innerhalb von Sekunden beantworten.
Besonders viel Potenzial sieht Adrian in der Spend-Analyse, bei der Erkennung von Markt- und Risikosignalen sowie in der Vertragsanalyse. Solche Anwendungen können Zusammenhänge sichtbar machen und die Arbeit im Einkauf erleichtern. Die Verantwortung für die Entscheidung bleibt jedoch beim Menschen. Auch bei Ivoflow löst die KI keine Maßnahmen eigenständig aus. Empfehlungen müssen nachvollziehbar sein und aufzeigen, welche Daten ihnen zugrunde liegen.
Seine wichtigste Botschaft für künftige KI-Projekte: Zuerst sollte klar sein, welche Entscheidung besser werden soll und woran sich der tatsächliche Nutzen messen lässt. Erst dann stellt sich die Frage, welche Technologie dafür geeignet ist.
Roundtable: The Future of Commodity Strategy
Wie müssen sich Warengruppenstrategien verändern, wenn Märkte schwerer vorhersehbar werden? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Teilnehmenden im interaktiven Roundtable.
Dabei ging es unter anderem um die stärkere Regionalisierung von Lieferketten, Dual Sourcing, ein schnelleres Lieferanten-Onboarding und engere Partnerschaften. Gleichzeitig wurde deutlich, wie schwierig es im Alltag sein kann, langfristige Strategien konsequent umzusetzen. Wenn kurzfristige Probleme ständig neue Aufmerksamkeit erfordern, bleibt für die strategische Arbeit oft wenig Zeit.
Umso wichtiger ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, Entscheidungen auf eine verlässliche Datenbasis zu stützen und Mitarbeitende bei Veränderungen einzubeziehen. Eine Aussage aus der Diskussion brachte den Gedanken auf den Punkt: Aus „never change a running system“ sollte „always run a changing system“ werden – denn wer sich frühzeitig auf neue Bedingungen einstellt, muss weniger reagieren, wenn der Handlungsdruck bereits groß ist.
Industry Insights Industry Insights I: Procurement Strategies 2027 and Beyond Session von Robert Strebl (Vice President Procurement, ZF LIFETEC)
Wie sich diese Herausforderungen auf die Einkaufsstrategie auswirken, zeigte Robert Strebl am Beispiel von ZF LIFETEC. Sein Blick auf die kommenden Jahre: Lieferketten werden regionaler, Märkte bleiben volatil und Risiken entstehen häufig weit unterhalb der direkten Lieferantenebene. Wer sich nur auf die unmittelbaren Geschäftspartner konzentriert, übersieht schnell kritische Abhängigkeiten.
Daten spielen deshalb eine zentrale Rolle. Sie helfen dabei, Risiken früher zu erkennen und Lieferanten nicht nur anhand ihrer Preise zu bewerten. Ebenso wichtig sind Faktoren wie Qualität, verfügbare Kapazitäten, Innovationsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Entscheidend ist, welchen Beitrag ein Lieferant insgesamt zum Geschäftserfolg leistet.
Auch KI kann dabei unterstützen, Informationen schneller auszuwerten und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Sie ersetzt für Robert Strebl jedoch nicht die Erfahrung und das Urteilsvermögen der Menschen im Einkauf.
Ein Satz blieb besonders hängen:
“The best crisis is the crisis that never happens.” Die Botschaft dahinter: Risiken möglichst früh zu erkennen, bevor sie zur Krise werden, ist wertvoller, als später unter Zeitdruck reagieren zu müssen.
Industry Insights II: Adapting Strategies in a Rapidly Changing Market Environment Session von Radek Crha (Purchasing Director EMEA, TI Automotive)
Wie aus einer besseren Datenbasis konkrete Ergebnisse entstehen können, veranschaulichte Radek Crha am Beispiel von TI Automotive. Gemeinsam mit Ivoflow hat das Unternehmen zunächst eine einheitliche Sicht auf seine Ausgaben über verschiedene Werke, Länder und Regionen hinweg geschaffen.
Darauf aufbauend analysiert das Team Kosten auf Ebene einzelner Teilefamilien und setzt Einkaufspreise in Beziehung zu relevanten Marktindizes, etwa für Rohstoffe, Energie und Wechselkurse. So werden Preisabweichungen und mögliche Rückforderungen, sogenannte Clawbacks, leichter erkennbar. Ivoflow unterstützt dabei, entsprechende Potenziale automatisiert zu identifizieren.
Radek beschrieb den Weg in drei Schritten: Spend Transparency, Cost Intelligence und Value Realization. Es geht also zunächst darum, Transparenz über die eigenen Ausgaben zu schaffen, daraus konkrete Erkenntnisse abzuleiten und diese schließlich in messbare Ergebnisse zu überführen.
Das Beispiel machte deutlich, dass Daten allein noch keine Einsparungen schaffen. Entscheidend ist, was Unternehmen daraus ableiten und wie konsequent sie die Erkenntnisse in die Praxis umsetzen.
Entscheiden unter Druck: Was der Einkauf vom Profifußball lernen kann Session von Lutz Wagner (Referee and Referee Coach)
Zum Abschluss wechselte die Perspektive vom Einkauf auf den Profi-Fußball.Lutz Wagner brachte Erfahrungen aus seiner langjährigen Tätigkeit alsSchiedsrichter mit und zeigte, was es bedeutet, unter Druck Entscheidungen zutreffen, für die man unmittelbar Verantwortung übernehmen muss.
Im Profifußball bleiben oft nur wenige Sekunden, um eineSituation einzuschätzen und eine Entscheidung zu treffen. Auch im Einkauf gibtes Momente, in denen nicht alle Informationen vorliegen und trotzdem gehandeltwerden muss. Eine gute Vorbereitung hilft dabei, in solchen Situationen denÜberblick zu behalten. Ebenso wichtig sind die Fähigkeit, die eigeneEntscheidung zu vertreten, und die Bereitschaft, sie im Nachhinein kritisch zuhinterfragen.
Damit schlug Lutz Wagner eine Brücke zu den vorherigenSessions: Daten und Analysen können Entscheidungen unterstützen. Ob sie richtigeingeordnet und sinnvoll genutzt werden, hängt aber weiterhin von den Menschenab, die sie treffen.
Was von ivoNext 2026 bleibt Die Beiträge der ivoNext haben aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt, worauf es im Einkauf künftig ankommt. Unternehmen müssen Risiken früher erkennen, ihre Kosten besser verstehen und Strategien regelmäßig an neue Marktbedingungen anpassen. Daten schaffen dafür die Grundlage, und KI eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, Informationen auszuwerten und Zusammenhänge schneller zu erkennen.
Am Ende kommt es jedoch darauf an, daraus die richtigen Entscheidungen abzuleiten und konkrete Maßnahmen umzusetzen. Dafür braucht es neben verlässlichen Informationen auch Erfahrung, Zusammenarbeit und den Mut, bestehende Vorgehensweisen zu hinterfragen.
Genau dieser Austausch macht ivoNext aus. Vielen Dank an alle Speaker, die Teilnehmenden des Roundtables und unsere Gäste, die ihre Erfahrungen und Perspektiven mit uns geteilt haben. Wir freuen uns darauf, die Gespräche fortzusetzen und uns bei der nächsten ivoNext wiederzusehen.